Woher der Fisch kommt, welchen Weg er zurücklegt und wie viel er kostet, wird auch durch Entscheidungen in Brüssel, Moskau, Peking und Washington bestimmt. Wir nehmen hier Russland als Beispiel: Das Land hat einen großen Einfluss auf den internationalen Fischhandel, insbesondere durch die Lieferung von Alaska-Seelachs, einem bei Verbrauchern sehr beliebten Weißfisch. In diesem Artikel beleuchten wir, wie sich der Handel in den vergangenen zwölf Jahren Schritt für Schritt angepasst hat und wie wir bei Pittman Seafoods darauf reagieren: indem wir unsere Bezugsländer diversifizieren, den Markt täglich beobachten und transparent darüber kommunizieren, woher unser Fisch stammt.
In Europa wird der Einfluss der Geopolitik nirgendwo deutlicher als beim Handel mit Weißfisch. Ein erstaunlicher Anteil von insgesamt 94 Prozent des Weißfischangebots in der EU stammt aus Importen. Die eskalierenden Sanktionsregelungen, die keine lähmende Wirkung zeigten und an die sich die Branche anpassen musste, waren ausgelöst durch den seit einem Jahrzehnt andauernden Niedergang der Beziehungen zwischen Russland und der EU.
Zwar mag die Elastizität der Lieferkette für Fisch und Meeresfrüchte dafür gesorgt haben, dass Grundnahrungsmittel wie Kabeljau und Alaska-Seelachs nach wie vor fest verankert sind auf europäischen Speisekarten – doch wie es sein kann, dass dies überhaupt möglich ist, ist Thema einer interessanten Geschichte.
Eine Zeit vor den Spannungen
Im Jahr 2014 war der Handel mit Fisch und Meeresfrüchten zwischen Russland und Europa reibungslos und vielfältig: Sprotten, Sardinen, Lachs, Garnelen und Makrelen wurden gen Osten exportiert, während Europa riesige Mengen an russischem Kabeljau und Alaska-Seelachs verbrauchte.
Dann folgte die Annexion der Krim durch Russland, woraufhin Moskau umgehend Sanktionen gegen Fisch und Meeresfrüchte aus der EU verhängte. Bis zum Jahr 2024 wurde nicht ein einziges für den menschlichen Verzehr bestimmtes Fischereiprodukt aus der EU nach Russland exportiert – während Importe in die entgegengesetzte Richtung unvermindert weitergingen.
Verschärfung der Sanktionen: ein vierstufiger Ansatz
Während sich Importeure von Fisch und Meeresfrüchten in der EU mit zahlreichen Drohungen eines vollständigen Einfuhrverbots für russischen Weißfisch konfrontiert sahen, zeigt die Realität ein weitaus differenzierteres Bild – vor allem durch den schier unstillbaren Appetit des Kontinents auf Fisch- und Meeresfrüchte-Grundnahrungsmittel wie Alaska-Seelachs, Schellfisch und Kabeljau.
Zwei Monate nach Beginn des Krieges in der Ukraine reagierte die EU mit einem eigenen Sanktionspaket und verhängte ein Einfuhrverbot für Kaviar und Krustentiere aus Russland.
Doch trotz zunehmender Spannungen importierte die EU im Jahr 2022 über 200.000 Tonnen an Fisch und Meeresfrüchten im Wert von fast 1 Milliarde Euro aus Russland und stellte damit einen neuen Rekord auf. Dies mag bei manchen Stirnrunzeln verursachen, es spiegelt jedoch den Unterschied in der Haltung der EU gegenüber Russlands Vorzeige-Luxusgütern und ihrer Position gegenüber Kabeljau und Alaska-Seelachs wider, die als unverzichtbarer Rohstoff für Europas florierende Fischverarbeitungsindustrie gelten.
Trotz der Bedeutung von russischem Weißfisch versuchte die EU im Verlauf des Krieges mehr wirtschaftlichen Druck auf Moskau auszuüben, und im Jahr 2024 wurde Russland aus den autonomen Zollkontingenten der EU ausgeschlossen. Damit wurde für Fischereierzeugnisse der volle Einfuhrzoll erhoben (in Höhe von 13,7 Prozent für TK-Alaska-Seelachsfilets und 7,5 Prozent für TK-Kabeljau-, TK-Schellfisch- und TK-Köhlerfilets) – eine steuerliche Maßnahme, von der viele befürchteten, dass sie erhebliche Auswirkungen auf die Preise für Weißfisch innerhalb der EU haben würde.
Doch während die Direktimporte in der Folge zurückgingen, hielt der Zustrom von Weißfisch an – wenn auch zu einem großen Teil über einen Umweg – da in China verarbeitete Fangmengen aus Russland gemäß den internationalen Vorschriften als Erzeugnisse chinesischen Ursprungs nach Europa eingeführt werden dürfen. Unterdessen war es russischen Fischereifahrzeugen weiterhin erlaubt, ihre Fänge in den Häfen Kirkenes, Båtsfjord und Tromsø im Norden Norwegens anzulanden. Diese beliefen sich im Jahr 2024 auf ungefähr 80.000 Tonnen Kabeljau, Schellfisch und Köhler.
Im darauffolgenden Jahr wurde die dritte Sanktionsphase eingeleitet, während Schiffe von zwei führenden russischen Fischereiexporteuren aufgrund von Vorwürfen, sie seien an einer vom russischen Staat geförderten Überwachungskampagne beteiligt gewesen, aus den Häfen und Gewässern der EU verbannt wurden. Damit wurden erstmals Schiffe von einzelnen russischen Fischereiunternehmen aus Gründen, die in keinem Zusammenhang zur Fischerei standen, aus den Häfen und Gewässern der EU ausgeschlossen.
Vor kurzem wurden in dem Versuch, den Abfluss von Euro nach Moskau einzudämmen, weitere Sanktionen gegen Kabeljau und Alaska-Seelachs aus Russland ins Gespräch gebracht, wobei Ursula von der Leyen in einer Erklärung die Fischerei als „einen der letzten großen Sektoren, der nicht mit Sanktionen belegt ist“ bezeichnete. Am 9. Juni 2026 wurden strengere Beschränkungen für russische Fischereierzeugnisse vorgeschlagen, darunter ein vollständiges Einfuhrverbot für russischen Kabeljau ab 2028 und eine schrittweise Reduzierung der Einfuhren von Alaska-Seelachs, wobei die Einfuhrmengen laut Branchenberichten zunächst auf den Durchschnittswert der Jahre 2023–2025 begrenzt und anschließend zunächst auf 75 Prozent und dann auf 50 Prozent dieses Durchschnittswerts gesenkt werden sollten.
Sechs Wochen später wurde das Sanktionspaket verabschiedet, doch – bemerkenswert angesichts der früheren Haltung durch von der Leyen – wurden Fisch und Meeresfrüchte davon ausgenommen.
Warum diese Kehrtwende?
Angesichts der Bedeutung der 179.000 Tonnen Fischereierzeugnisse, welche die EU direkt aus Russland importiert (laut den Zahlen der EUMOFA für 2024), ist es vielleicht keine Überraschung, dass die 27 EU-Mitgliedstaaten dem Vorschlag nicht einstimmig zustimmten.
Jüngsten Branchenangaben zufolge lieferte Russland in der ersten Hälfte des Jahres 2026 insgesamt 66.000 Tonnen TK-Alaska-Seelachsfilets in die EU – dies entspricht einem Anteil von 51 Prozent der EU-Importe für TK-Alaska-Seelachsfilets, gegenüber 44 Prozent im Vorjahr. Tatsache ist aber, dass es schlichtweg keinen Ersatz für die Liefermengen gibt, sollte Russland auf die schwarze Liste gesetzt werden: Norwegens Kabeljauquoten in der Barentssee stehen weiterhin unter Druck, während der Großteil der Alaska-Seelachs-Produktion der USA bereits gebunden ist.
Sollte der EU der Zugang zu den Weißfischbeständen in Russland verwehrt werden, würde dies die riesige deutsche Branche zur Verarbeitung von Fischstäbchen in Schwierigkeiten bringen. Ebenso wie die portugiesischen Verbraucher, vor dem Hintergrund, dass Bacalhau dort als nationales Herzstück der Landesküche gilt. Unterdessen wurden auch die Niederlande, Frankreich und Polen – allesamt leidenschaftliche Weißfischkonsumenten – als Länder mit Vorbehalten gegen eine Zustimmung identifiziert.
Unpolitischer Druck
Die Möglichkeit, dass die EU ihre Handelsbeschränkungen verschärft, ist aber keineswegs die einzige Möglichkeit, die westliche Nachfrage nach russischem Weißfisch zu beeinflussen. Während in Brüssel den ganzen Sommer über das Ausmaß der zu verhängenden Sanktionen diskutiert wurde, spielte sich parallel dazu – ausgehend von der Westküste Nordamerikas – ein weiterer Kampf ab.
Alles begann am 30. Juni 2026, als die At-Sea Processors Association (der Handelsverband aus Seattle, der die US-amerikanische Fang- und Verarbeitungsflotte im östlichen Beringmeer vertritt) formellen Einspruch einlegte gegen die geplante Rezertifizierung der russischen Alaska-Seelachs-Fischerei im westlichen Beringmeer durch den Marine Stewardship Council (MSC).
Am folgenden Tag schaltete sich der Leiter des Alaska Department of Fish and Game in die Debatte ein – er warf dem MSC vor, „Bluewashing“ von Fisch und Meeresfrüchten aus Russland zu betreiben und forderte den Geschäftsführer des MSC in einem Schreiben auf, die Rezertifizierung zu stoppen.
Der Einspruch wurde von dem unabhängigen Schiedsrichter aufgrund einer Reihe möglicher Probleme, darunter die Fangkontrollstrategie der Fischerei und den Beifang von Lachs, als zulässig eingestuft. Der Schlichter hat dahingegen inzwischen explizit erklärt, dass die Zulässigkeit des Einspruchs den Ausgang des Verfahrens nicht vorwegnimmt und eine endgültige Entscheidung noch aussteht – das Zertifikat sollte ursprünglich am 5. Juli 2026 auslaufen und wurde nun für die Dauer des Einspruchsverfahrens bis zum 30. Dezember 2026 verlängert.
Sollte allerdings die russische Alaska-Seelachs-Fischerei die MSC-Zertifizierung verlieren, würden die beträchtlichen Mengen, die sie anlandet (287.000 Tonnen laut den Zahlen des MSC für das Jahr 2024), ebenfalls den Zugang zu vielen wichtigen europäischen Märkten verlieren.
Wie geht es weiter?
Zwar hat man den Vorschlag der EU für ein vollständiges Einfuhrverbot von russischem Weißfisch vorerst auf Eis gelegt, er wurde allerdings noch nicht zurückgezogen, und – sofern der Konflikt in der Ukraine andauert – würden wohl nur wenige dagegen wetten, dass neue Sanktionsregelungen ausgearbeitet werden, die auch russische Fischereierzeugnisse umfassen könnten.
Ebenso dürfte die Frage, ob die Alaska-Seelachs-Fischerei im westlichen Beringmeer die MSC-Rezertifizierung erhält, gewaltige Auswirkungen auf den europäischen Weißfischhandel haben.
So oder so lässt sich festhalten: Die Entwicklung der Sanktionen gegen Russland seit dem Jahr 2014 ist eine rechtzeitige Mahnung, sich vor Augen zu führen, wie wichtig es für die Fisch- und Meeresfrüchtebranche ist, sich zunehmend an Versorgungsengpässe anzupassen und darauf zu reagieren – von Trumps ständig wechselnden Zollvorschlägen, bis hin zu den Einschränkungen für die Schifffahrt in der Straße von Hormus. Da ein vollständiges Verbot russischer Weißfische jedoch vermieden wurde, beabsichtigt Pittman Seafoods, seine Lieferketten unabhängig von den allgemeinen geopolitischen Ereignissen offen zu halten.
Um uns vor weiteren Versorgungsengpässen zu schützen, sind wir zudem bestrebt, ein Lieferantenportfolio aus einer Vielzahl von Ländern aufrechtzuerhalten und dabei stets transparent darüber zu informieren, woher die Produkte stammen und wo sie verarbeitet wurden.
Unterdessen läuft die EU-Verordnung über autonome Zollkontingente am 31. Dezember 2026 aus, ohne dass bislang eine Alternative vorgeschlagen oder verabschiedet wurde. Sollte es der EU nicht gelingen, diese Verordnung zu ersetzen, werden die zollfreien Kontingentssätze für alle Beteiligten auslaufen – ein Schritt, der wohl noch weitreichendere Folgen haben könnte als alle bisher verhängten Sanktionspakete gegen Fisch und Meeresfrüchte aus Russland.











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